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8: Hua Shan

Montag, 9. April 2002:
Ein lang ersehntes Ziel in der Nähe von Xian hatten wir uns noch aufgehoben. Hua Shan!

Die Bilder der steilen Felsen in LP sahen vielversprechend aus und ich wolle unbedingt hin.
Es gab drei Möglichkeiten, auf den Berg zu gelangen, dessen Gipfel, 120km vor Xian, auf 2200m Höhe liegen. Mit der Seilbahn, auf einem seichten Wanderweg und die Hardcoretour: den Felsen hauptsächlich auf in Stein geschlagenen Stufen zu bezwingen, leiterartig, stellenweise fast senkrecht. Das klang mal verlockend!
Dee und Amy, einer Amerikanerin, hatte ich das ganze ebenfalls schmackhaft gemacht und sie waren auch dabei. Ilene wollte eigentlich nicht. Wander- und Klettertouren sind mal nicht ihr Ding. Sie kam aber dennoch mit (war im Nachhinein wohl auch ganz gut, wegen ihrer Sprachkenntnisse). Wir hatten zwei Tage eingeplant.
Bis die Damen ihr Gepäck organisiert hatte, war es bereits 11:30. Das konnte ja mal heiter werden...

Am Busbahnhof brauchte wir einen Minibus, der uns hinfährt. Davon standen viele zur Auswahl.
Zu viele.
Wir "Weißen" hätten uns mal besser im Hintergrund gehalten und Ilene das Reden überlassen sollen, irgendwer verkündete aber, dass wir nach Hua Shan wollten und auf einmal hatten wir eine Menschentraube um uns herum. Jeder, dessen Bus auch nur halbwegs in die Richtung fuhr, versuchte uns zu bequatschen oder förmlich in den jeweiligen Bus zu zerren. Kapitalismus in seiner rohestes Form - uns das im kommunistischen China!
Um mal zu teste, ob es hilft, brüllte ich nach einer Minute in die Menge "leave me the *uck alone!" aber die Chinesen zeigten sich unbeeindruckt. Nur meine Freundin zuckte zusammen. Sie meinte, sie hätte mich noch nie so wütend gesehen. Dabei war ich gar nicht mal wütend sondern, war alles nur Spaß.
Erst, als wir einen regulären Bus im Hintergrund bestiegen hatten, war Ruhe. Bald darauf, 13:30, ging es auch los. Zwei Stunden später waren wir bei Hua Shan und gingen - die Damen - erstmal was essen. Man, so kommen wir heute nirgendwo mehr hin, wird ja irgendwann auch dunkel.

Immerhin war es nun schon so spät, dass wir nicht mehr sicher waren, ob wir heute noch den Berg besteigen sollten. Es hätte, laut LP, oben bezahlbare Hotels gegeben. Unten gab es auch jede Menge und wir fragten vorsichtshalber an einem mal nach, was denn eine Nacht kostete. Da hatten wir aber schon wieder zu viel Informationen preisgegeben, denn sofort hatte uns der Hotelbesitzer auch eingeredet, dass die LP-Preise für die Hotels auf dem Berg lange überholt sind, inzwischen wäre alles drei Mal so teuer. Na, bei Ilene hat das geholfen und wir beide blieben unten. Zum Klettern war es zu spät. Ich war da schon ein ganzes Stück enttäuscht - meine langersehnte Abenteuertour würde zum Weicheiertrip verkommen... Morgen würden wir mit der Seilbahn rauffahren und die anderen beiden treffen, die sich jetzt (16:00) auf den Weg auf den Berg machten. Ich nahm an, sie würden die Seilbahn nehmen. Alles andere wäre um diese Zeit unverantwortlich gewesen.

Wir richteten uns erstmal häuslich ein, stellten fest, dass es kein fließendes Wasser im Hotel gab, eine Heizung gab es auch nicht, und draußen war Winter. Wenigstens liefen wir noch mal eine Runde durchs Dorf und genossen das Grün weitab von Xian.
Die Nacht wurde dann derbe kalt!
Mir kamen Zweifel, ob die beiden anderen Damen vielleicht das Geld für die Seilbahn sparen wollten, und zu Fuß den Berg bestiegen. Ich konnte echt nur hoffen, dass sie nicht so dumm waren! Seit kurz vor sieben war es dunkel. Wenn die bei den Temperaturen irgendwo auf dem Felsen festsaßen, hätten sie ein arges Problem.

Dienstag, 10. April 2002:
Nach der eiskalten Nacht hatte Ilene jetzt eine richtig dicke Erkältung an der Backe.
Um 8:00 nahmen wir eine Seilbahn zum Li Shan hinauf, tatsächlich trafen wir dann um 9:00 Dee und Amy. Ich war erleichtert.
Die beiden sind gestern tatsächlich zu Fuß auf den Berg geklettert. Sie erzählten, wie die Felsenleitern stellenweise 20 Meter fast senkrecht anstiegen und alles, was es zur Sicherung gab, war eine Eisenkette zum dran festhalten. Man, und ich mit der Seilbahn...
Aber sie hatten echt Glück gehabt, denn erst mit dem letzten Sonnenstrahl hatten sie den Gipfel erreicht. Die Hotelpreise im LP stimmten offenbar. Sie meinten, es war so kalt, dass sie drauf und dran waren, sich ein Bett zu teilen. Demnach wollten sie nun nur noch zurück.
Mit Ilene war nicht viel anzufangen, keine Lust und Erkältung, da meinte sie, ich solle mich hier oben in Ruhe umschauen, sie bliebe derweil in der Sonne sitzen. Naja, was soll's halt.

grüne Berge in China tommy und die Chinesen Hua Shan - Ilene ganz oben Hua Shan, China wilde Felsen - Hua Shan letztes Bild, dann Strom alle :(

So schlich ich dann drei Stunden auf den Gipfeln des Hua Shan rum und war schwer begeistert. Die steilen Felsformationen rund herum und sie stellenweise auch recht abenteuerlichen Wanderwege hier oben hoben meine Stimmung gewaltig. Auch wenn es nur so von chinesischen Bergsteigern wimmelte.
Und dass ging nun mal überhaupt nicht: Die kommen echt als Familienausflug hierher zum Wandern. Die Herren im Anzug und die Damen mit Kleid, Stöckelschuhen und Handtasche. Irgendeiner trägt dann noch ein paar Plastikbeutel mit dem Picknickutensil. Die haben doch echt einen an der Waffel, die Chinesen. Und ihrem Müll schmeißen sie irgendwo in die atemberaubende Landschaft...

Gottseidank hielten sie sich weiter im vorderen Teil des Wandergebietes auf. Ich wollte möglichst viel in recht kurzer Zeit sehen (die Freundin) und machte mich in die weiter abgelegenen Regionen, wo es Vorsprünge, Felsspalten usw. mit minimalen Sicherheitsvorkehrungen gibt. Aber als dann nach zwei Stunden die Batterien in der Kamera aufgaben und es an den Verkaufsständen hier oben keine CR123As gab, war meine Stimmung im Eimer. Dabei hatte ich kaum Bilder geschossen, lag wohl zum Teil an der Kälte und an meinem optimistischen Vertrauen in das "Batterie halb voll" - Symbol...
So war dann eine geplante 1,5-Tagestour in der wildesten, abgefahrensten Landschaft überhaupt zu einem 2h-Wanderausflug ohne Kamera degradiert worden. Ich war sauer.

Seilbahn, Bus, 17:00 waren wir zu Hause.

7: Shanghai 0: China 2002 9: Heimfahrt
China 2002 tommy Ilene